Überlieferung
Die Sage

26. Das Holzweibchen im Schönecker Walde. (Illustrirtes Familien-Journal VI. Nr. 151.)
Da droben im Schönecker Walde lebte vor Zeiten ein Holzhauer, ein braver, stämmiger Bursche, der aber trotz rastloser Thätigkeit kaum so viel verdienen konnte, um eine alte kranke Mutter und ein paar kleinere Geschwister zu ernähren. Es ging immer knapp her, und doch mußte hier und da noch ein Groschen für ein rothes Band oder etwas dergleichen abfallen, womit der Bursche die Tochter des Nachbars beschenkte. Die jungen Leute waren einander gut; aber ans Heirathen durften sie noch lange nicht denken, denn es fehlte ihnen ein eigenes Hüttchen, und die der Aeltern hatten nicht Raum für einen neuen jungen Hausstand. Da entschloß sich der Bursche schweren Herzens, ein paar Jahre hinaus in die Welt zu wandern und sich irgendwo zu vermiethen, bis er sich das Nöthige verdient haben würde. Als er bald darauf durch den grünen Wald zog und trübe Bilder der nächsten Zukunft in seiner Seele auftauchten, da sprang plötzlich vor ihm ein kleines graues Mütterchen mit einem Körbchen Reisig aus dem Gebüsche, und wie gehetzt lief es auf ihn zu und bat flehentlich, er möge schnell in eine windgebrochene Fichte, die just über den Weg lag, drei Kreuze schneiden, der wilde Jäger sei ihr auf dem Fuße und der sei ihr Feind und werde sie tödten. Das Alles war das Werk eines Augenblicks und alsbald hatte der Bursche auch mit seinem Messer die drei Kreuze in den Baumstamm geschnitten und war selbst mit dem fremden Weibchen darunter gekrochen, als auch schon das wilde Heer ankam. An den drei Kreuzen aber hatte die Macht des wilden Jägers eine Schranke, er zog fluchend und wetternd zurück und das Holzweibchen war gerettet.

Sie gab ihrem Helfer einen grünen Zweig aus ihrem Körbchen, dankte gar geheimnißvoll und — war verschwunden. Dem Burschen war’s noch ganz wirblig und drehend im Kopfe vor all dem Spuk, aber so viel war ihm doch klar, daß das graue Mütterchen, wenn sie einmal etwas schenken wollte, sich schon ein wenig mehr hätte angreifen können. Mißmuthig wollte er den Zweig wegwerfen, besann sich aber doch noch und steckte ihn zum Andenken an das sonderbare Erlebnis auf seine Mütze. Wie er nun frisch weiter schritt, da ward ihm sein Mützlein immer schwerer und schwerer, und als er es endlich abnahm, da war der Zweig gewachsen, und was war’s überhaupt für ein Zweig geworden? Gelbe glitzernde Blätter waren dran, und wuchsen immer noch mehr, daß ihm schier Sehen und Denken und am Ende die Lust, weiter zu wandern, verging.

Er kehrte um, ohne eigentlich zu wissen, warum, und war noch vor Abend wieder daheim. Was die alte Mutter sich wundern mochte! Der Tochter des Nachbars aber war’s eben recht, denn:
Wiederkommen bringt Freuden.
Der wilde Jäger hatte wohl Ursache, das Holzweibchen zu verfolgen, denn dasselbe hatte in seinem Garten von dem wunderbaren Goldbaume sich ein Körbchen der besten Zweige geholt. Davon hatte denn der Bursche einen bekommen und der trieb immer neue Blätter. Die Blätter schüttelte unser Holzhauer und verkaufte sie in den Städten, wo sie noch heute von den schönen Damen als Schmuck getragen werden. Nun konnte er freilich sein Nachbarskind heirathen, und sie mögen sich wohl auch ein gar hübsches Haus gebaut haben. Das Holzbäumchen aber ist mit der Zeit eingegangen, vielleicht hat sich’s auch das Holzweibchen wieder geholt, vielleicht auch der wilde Jäger selber.
Die Sage auf einen Blick

Verstehen und nachschlagen
Zur Überlieferung
Schauplatz
- Heutiger Ort
- Schöneck/Vogtl.
Historische Zuordnung
- Gebiet / Amt
- Amt Voigtsberg
Sammlung und Autor
- Autor
- Johann August Ernst Köhler
- Sammlung
- Köhler
- Werk
- Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andere alte Überlieferungen im Voigtlande
- Jahr
- 1867
- Legacy-ID
- K026
Quellen
Johann August Ernst Köhler – Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andere alte Überlieferungen im Voigtlande
Quelle: Johann August Ernst Köhler, Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andere alte Überlieferungen im Voigtlande, 1867, Nr. 26 „Das Holzweibchen im Schönecker Walde“. Köhler nennt als Vorlage: Illustrirtes Familien-Journal VI, Nr. 151. Moderne Nacherzählung nach dem gegen die Quelle geprüften Datensatz K026. Kartenhinweis: Der Meilerteich Schöneck ist nur Besucheranker für den Schönecker Wald; der historische Begegnungspunkt ist nicht überliefert.
