K108 · Köhler · 1867 · Plauen

Der Mühlgötz zu Plauen

In der Oberen Mühle zu Plauen gilt ein altes Holzbild als Schutzgeist. Als ein übermütiger Müllerbursche den Mühlgötz nachts in den Mühlgraben wirft, gerät die ganze Mühle außer Rand und Band.

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Überlieferung

Die Sage

Hölzerner Mühlgötz in der Oberen Mühle zu Plauen, vor dem ein Müller ehrfürchtig die Mütze abnimmt.

108. Der Mühlgötz zu Plauen.

(Gräße, a. a. O. Nr. 574.)

In der obern Mühle zu Plauen steht schon viele, viele Jahre ein Götzenbild, wer weiß wie alt, Das wol aus der heidnischen Zeit herstammen mag (und angeblich vor langen Jahren auf dem Mühlgraben schwimmend von den Mühlknappen aufgefangen worden sein soll), gemeiniglich nur der Mühlgötz genannt. Niemand wagt, es von seinem Platze zu nehmen, und wenn der Müller an ihm vorübergeht, so nimmt er bedächtig sein Käppchen ab, dieweil er den Mühlgötz für den Schutzpatron des Gewerkes hält und ihm den glücklichen Fortgang der Müllerei schuldig zu sein glaubt. Man erzählt sich aber von dem Mühlgötz folgende Sage:

Ein lustiger Müllerbursche, der dem Wasser nachging, und womöglich in jeder Mühle das Gastrecht in Anspruch nahm, kam auch in die obere Mühle zu Plauen. Sein heiteres, witziges Wesen verschaffte ihm mit leichter Mühe ein Nachtquartier, und er hatte sich an reichlicher Speise und einem frischen Trunke schon ein Gütliches gethan, als er erst in das Innere der Mühle trat, um sich dieselbe zu beschauen. Bald blieb er vor einem braunen hölzernen Bilde stehen, das ihn mit weit herausgeschlagener Zunge angrinste. „Zum Teufel, was ist denn das für ein Ding?“ fragte er den Müllerburschen, „es ist wol gar euer Schutzpatron?“ „J bewahre, es ist ein Stück aus dem Heidenthume“, sagte der Mühlbursche, „der Mühlgötz genannt, der einst wie ein Gott verehrt wurde und auch jetzt noch von uns in Ehren gehalten wird. Versuchs nur Einer, ihn von dem Platze zu bringen, ich mag die Prügel nicht mit ihm theilen; er läßt nicht ab, bis er wieder auf dem Platze ist.“ Der luftige Mühlbursche lachte laut auf über diese Mähr, im Stillen aber dachte er bei sich: wart nur, Götz, mit dir ist's aus.

Ein Müllerbursche wirft den hölzernen Mühlgötz nachts in den Mühlgraben der Oberen Mühle zu Plauen.

Um Mitternacht, als sie Alle schliefen, erhob er sich leise von dem Lager, schlich sich in die Mühle und sprach zu dem Götzen: „Herunter mit dir, Bursche, mache seinen Lärm, daß die Müllermädel nicht erschrecken. Ich will Dich taufen, blinder Heide, im Namen Gottes.“ Mit diesen Worten warf er ihn in den Mühlgraben. Da auf einmal erhob sich ein pfeifender Sturmwind, daß das ganze Haus erbebte und die Fluth Hoch aufschäumte und die Räder sich wie toll im Kreise herumdrehten. Todtenbleich vor Schreck lief der Mühlbursche schnell zurück in die Mühle, aber da gingen ihm erst die Augen über. Was nur in der Mühle war, Kübel, Säcke, Kisten, Beutel, ja selbst Müller und Knappe tanzten wie toll in der Mühle herum; darein erscholl der grelle Ton des Glöckchens. Alles Erachte und donnerte, als wäre der jüngste Tag gekommen. och hatte der vorwitzige Bursche sich nicht vom ersten Schreck erholt, da kam ein Kübel geflogen, gerade auf ihn los, der ihm den Kopf zu zerschmettern drohte, und wie mit unsichtbarer Hand zog es ihn zum Mühlgraben hin, wo hinein er das Götzenbild geworfen hatte. Er nahm es auf den Arm und trug es alsbald auf den Platz zurück.

In der Oberen Mühle zu Plauen geraten Räder, Säcke und Kübel in wilden Spuk, nachdem der Mühlgötz entfernt wurde.

Da standen die Räder wieder still, Süde, Kübel und Beutel, Alles blieb an seinem Orte. In der Mühle ward es wieder still wie in der Kirche. Der Müller aber prügelte den leichtfertigen Burschen zur Thüre hinaus, und es ist bis heute sein Anderer wiedergekommen, der den Mühlgötz hätte taufen wollen.

Anmerk Der Mühlgötz zu Plauen erinnert an eine ähnliche Sage aus Södermanland. daselbst stand in einer Mühle ein Bild der heiligen Anna, welches anzurühren das gemeine Volk für gefährlich hielt. Es hatte viele Erzählungen von dem Unglücke, welches der Mühle begegnet war, wenn man diese heilige Anna beunruhigt oder erzürnt hatte. Linnés Reisen durch Oeland und Gothland, deutsch v. Daniel Schreber, S. 7.)

Die Sage auf einen Blick

Infografik zur Sage vom Mühlgötz zu Plauen: Verehrung der Holzfigur, Wurf in den Mühlgraben, Spuk in der Mühle und Rückkehr an ihren Platz.

Verstehen und nachschlagen

Zur Überlieferung

Schauplatz

Heutiger Ort
Plauen

Historische Zuordnung

Gebiet / Amt
Amt Plauen

Sammlung und Autor

Autor
Johann August Ernst Köhler
Sammlung
Köhler
Werk
Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andere alte Überlieferungen im Voigtlande
Jahr
1867
Legacy-ID
K108

Quellen

Johann August Ernst Köhler – Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andere alte Überlieferungen im Voigtlande

Johann August Ernst Köhler, Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andere alte Überlieferungen im Voigtlande, Leipzig 1867, Nr. 108.