Überlieferung
Die Sage
111. Die weiße Frau bei der Tränke am westlichen Abhange des Kapellenberges. (Metr. von F. Rödiger in „Sagenklänge des oberen Voigtlands“, S. 18. Bearb. v. J. Schanz in Gräßes Sagenschatz, Nr. 597.)
In dem Kloster auf dem Kapellenberge soll einst eine Nonne gelebt haben, die ein schweres liebes Leid auf dem Herzen trug und oft bis zur Mitternacht vor dem Altar auf den Knieen lag, um Vergebung ihrer Sünden zu erflehen. Einst, als sie auch im Gebete lag, flog ein Pfeil durch die Fenster, ihr ein Zeichen des Stelldichein.

Sie konnte auch diesmal nicht widerstehen und schlich leise durch die Klosterpforte an den Teich hinaus, wohin sie so oft gegangen, und harrte dort des Buhlen, der sich bald durch die Zweige Bahn brach. Er fand die Nonne in glühendem Wahnsinn mit den Fluthen sprechen, in welche sie ihr Kind geworfen und forderte sie auf, das Kloster endlich zu verlassen und sein Weib zu werden.

„Tauche“, sprach er, „deine Hände in das Wasser und wasche dein Gesicht damit, so wird dein Herz Ruhe finden. In des Teufels Namen, wasche dich!“ — Die Nonne that, wie ihr geheißen war. Sie kehrte nicht wieder zum Kloster zurück, sondern floh mit dem Geliebten ins Fichtelgebirge auf die Luchsenburg, woselbst er hauste, und lebte mit ihm dort ein gottvergessenes Leben. Als aber ihre Sterbestunde kam, hörte sie eine Stimme rufen: „Am Teich, in dem dein Kindlein ruht, sollst du dich fort und fort in des Teufels Namen waschen, bis zum jüngsten Gerichte!“ — So geht denn ihr Geist noch um bis auf diesen Tag, und Mancher hat in stiller Mitternachts— Stunde die weiße Frau gesehen, wie sie am Teiche hinschreitet, und gehört, wie sie in den Wellen plätschert und ihr Antlitz wäscht.

Der Teich heißt gegenwärtig nur die Tränke, da die Bauern daselbst ihr Vieh zur Tränke führen, wenn sie auf den Feldern beschäftigt sind.
Die Sage auf einen Blick

Verstehen und nachschlagen
Zur Überlieferung
Schauplatz
- Heutiger Ort
- Kapellenberg bei Schönberg (Bad Brambach)
Historische Zuordnung
- Gebiet / Amt
- Amt Voigtsberg
Sammlung und Autor
- Autor
- Johann August Ernst Köhler
- Sammlung
- Köhler
- Werk
- Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andere alte Überlieferungen im Voigtlande
- Jahr
- 1867
- Legacy-ID
- K111
Quellen
Johann August Ernst Köhler – Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andere alte Überlieferungen im Voigtlande
Johann August Ernst Köhler: Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andre alte Ueberlieferungen im Voigtlande, Leipzig 1867, Nr. 111 „Die weiße Frau bei der Tränke am westlichen Abhange des Kapellenberges“.
