Überlieferung
Die Sage

158. Pumphut im Bauerhause zu Wallengrün. (Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, Nr. 576.)
Einst saß in einem Bauerhause zu Wallengrün die Familie groß und klein beim Mittagsmahle am Tische, umschwärmt von einer ungeheuren Schaar von Fliegen, als sich die Thüre aufthat, und Pumphut — so nannte man ihn wegen seines eigenthümlich geformten Hütchens — oder Graumännchen (wegen seiner Kleidung) hereinsah. Er wurde freundlich willkommen geheißen und zur Theilnahme am Essen eingeladen, was er sich nicht zweimal sagen ließ, sondern rasch dabei war. Gleich als ihm die Bäuerin den schweren Kloß auf den Teller gelegt hatte, ereignete sich ein Spaß; denn wie Pumphut besagten Kloß zertheilen wollte, zeigte der Kloß sich von einer solchen Härte, daß er unter dem Messer Pumphuts hinwegschlüpfte, wie eine Kanonenkugel durch die Stubenthüre schlug, durch die dieser gegenüber befindliche Stallthüre ebenso fuhr, und sich auf dem Horne eines schäbigen Ochsen spießte. Alle sperrten vor Verwunderung Maul und Nasen auf, Pumphut nahm sich aber ruhig einen Kloß nach dem andern, und verzehrte ihn mit großem Wohlbehagen.

Da ihn nun die Fliegen bei dieser angenehmen Arbeit aufs Aeußerste belästigten, so brummte er über diese große Menge gegen seine Wirthe, und rieth, daß man doch das Ungeziefer zur Thüre hinausjagen solle. „Ja, wenn sie sich hinausjagen ließen und draußen blieben“, ward ihm erwidert, „was hilft denn aber das Hinausjagen?“ „Nun“, entgegnete Pumphut, „so solltet Ihr sie doch nur so lange an einem besondern Platz bleiben lassen, bis das liebe Essen verzehrt ist, daß man Ruhe hätte vor den zudringlichen Bestien!“ Alles lachte, und der Hausherr sagte: „Thue Er es doch, Pumphut, bringe Er doch die Fliegen auf einen Platz, Er ist ja ein Hexenmeister!“ Der Pumphut fletschte die Zähne, legte sein Hütlein auf eine besondere Stelle, gebot den Fliegen sich hinein zu begeben, und zum Erstaunen Aller schwärmten alle Fliegen wie ein Bienenschwarm in den Hut, so daß er voll und übervoll wurde und sie über den Rand noch wimmelnd über einander krochen. Pumphut aber wischte sich den etwas großen und breiten Mund, bedankte sich fein, nahm den Hut sammt den Fliegen, trug sie zur Thüre hinaus und schüttelte sie draußen in die Milchtöpfe, indem er laut lachend von dannen ging.
Anmerk. Die Sage von Pumphut ist nicht bloß in dem Voigtlande, sondern auch insbesondere in der Lausitz, ferner in Leipzig, Dresden, Heiligenbeil u. s. w. verbreitet. Die lausitzische Sage spricht von einem Martin Pumphut und läßt denselben in dem kleinen Dörfchen Spuhla bei Hoyerswerda geboren sein. Als er sechs Jahre alt war, weissagte eine Zigeunerin: Martin würde weit in der Welt herumkommen, zwar im niederen Stande bleiben, aber viel Reichthümer erwerben, großes Aufsehen machen und endlich durch ein Frauenzimmer ums Leben kommen. Erzählt wird, daß Pumphut mit einem reizenden Frauenzimmer unter Hinterlassung seines berüchtigten Hutes, der mehr wie eine bloße Nebelkappe der Zwerge ist, aus einem Gasthofe zu Paderborn zu Ende des 7jährigen Krieges verschwunden sei.

— Noch wird von Pumphut erzählt, daß er den Müllern, die ihm das übliche Geschenk verkürzten oder verweigerten, das Wasser ableitete. So machte er es z. B. mit einigen Saalmüllern. Wer ihn freundlich aufgenommen hatte, dem fehlte es nie an Wasser auf der Mühle. — Eine Mühlwelle verkürzte Pumphut auch in Wolkersdorf in der Oberlausitz. (Haupt, Sagenbuch der Lausitz, S. 181—183.) Haupt spricht sich im laus. Mag. 41. B. S. 73 dahin aus, daß Pumphut „mythisch betrachtet, eine wunderlich zusammengesetzte, mit den Attributen aller möglichen Götter und Heroen ausgestattete Proteusfigur“, und, was wegen der Seltenheit in deutschen Sagen hervorgehoben werden muß, auch dem Freir oder Fro ähnlich ist.
Die Sage auf einen Blick

Verstehen und nachschlagen
Zur Überlieferung
Schauplatz
- Heutiger Ort
- Wallengrün (Stadt Pausa-Mühltroff)
Historische Zuordnung
- Gebiet / Amt
- Amt Plauen
Sammlung und Autor
- Autor
- Johann August Ernst Köhler
- Sammlung
- Köhler
- Werk
- Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andere alte Überlieferungen im Voigtlande
- Jahr
- 1867
- Legacy-ID
- K158
Quellen
Johann August Ernst Köhler – Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andere alte Überlieferungen im Voigtlande
Johann August Ernst Köhler, 1867, Nr. 158.
