Überlieferung
Die Sage

161. Zacher Gocof. (Mündlich.)
In Unter-Heinsdorf bei Reichenbach existirte die Familie Gocof (Jacobi), in der, wie man erzählt, mehrere Jahrhunderte hindurch, gewisse geheimnißvolle Kenntnisse forterbten. Es waren die Gocofe Heilkünstler, Wunderdoctoren, und der letzte Gocof, mit dem Zunamen Zacher (Zacharias), welcher vor ungefähr 40 Jahren starb, war nebenbei auch ein sehr geschickter Holzschnitzer. Bei seinem Tode war eine Kammer voll sonderbaren Krams, Fläschchen mit Tincturen, Knochen, Bücher und Manuscripte, welche letztere von den Hinterlassenen aus abergläubischer Furcht dem Feuer übergeben wurden. Nach andern Erzählungen soll der letzte Gocof seine Bücher selbst vor seinem Tode verbrannt haben. Zacher Gocof ging sehr einfach, mit ungeputzten Stiefeln und in zerrissenen Kleidern umher, obgleich er sehr reich war. Er trieb mancherlei geheime Künste, konnte bannen und dergleichen mehr. Von ihm erzählt man sich z. B. Folgendes:
Einstmals, als er eben zu Mittag aß und die Fliegen ihn sehr belästigten, nahm er einen Teller, pfiff eine eigene Melodie, und sämmtliche Fliegen setzten sich auf den Teller, den er dann hinauszutragen befahl.
Ein ander Mal wurde ihm Holz gestohlen. Die Diebe trugen es fort, und, wie sie meinten, in ihre Wohnung. Aber als sie an Ort und Stelle zu sein glaubten und sich von ungefähr umsahen, waren sie in Zachers Hofe. Zacher aber kam zur Thüre heraus und sagte: „Nun, legts nur hin und geht heim!“ und die erschrockenen Diebe thaten solches.

Einem seiner Knechte war auf dem Felde die „Kratz“ gestohlen worden. Als er ohne dieselbe nach Hause kam, befahl ihm Zacher, vor die Hausthüre zu treten. Da kommt ein Nachbar, welcher der Dieb war, und bringt die Kratze in den Hof.
Einst hatte ihm eine Magd Rüben und Möhren entwendet und kochte sie zu Hause. Aber sie mußte den Topf sammt den Rüben und Möhren zu Gocof tragen. „Siehst du“, sagte dieser, „hätt'st du mich gefragt! Nun, geh nur, und nimm dir noch Rüben, die bringst du mir nicht!“
Anmerk. In der Erinnerung älterer Leute leben die Wunderkuren, sowie überhaupt die übrigen Fähigkeiten der Gocofe noch fort; am meisten erzählt man sich natürlich von dem letzten Wundermanne des Geschlechts, dem Zacher Gocof. So wird z. B. gesagt, daß die alten Gocofe bereits das feinste Prinzmetall gemacht hätten. Zacher Gocof verstand ein gutes Weich- und Schnellloth herzustellen, und eigenhändig hatte er unter das Rezept geschrieben: „Dieses hat mich gelehrt der Hahnschneider von der Reuth, hats auch sehr gerühmt“.

Dieser Gocof bereitete auch ein sehr begehrtes Augenwasser, und es kamen des Sonntags Leute im Umkreise von 16 bis 18 Stunden zu ihm, so daß zuweilen die Flaschen nicht ausreichten, um die Hülfsuchenden zu befriedigen. Er hatte auch als Mittel gegen den sogenannten „Nachtschatten“ oder „Ascherschimpf“ (?) (eine Augenkrankheit, die darin besteht, daß man in der Dämmerung Nichts mehr sieht und daß man um jedes Licht einen Mondhof erblickt) folgendes Rezept: „Nimm gegen 1/2 Linie Karfunkelstein (wahrscheinlich Galizenstein oder Zinkvitriol) in einen Eßlöffel mit Wasser, und wasche die kranken Augen damit aus.“
Die Sage auf einen Blick

Verstehen und nachschlagen
Zur Überlieferung
Schauplatz
- Heutiger Ort
- Unterheinsdorf (Heinsdorfergrund)
Historische Zuordnung
- Gebiet / Amt
- Amt Plauen
Sammlung und Autor
- Autor
- Johann August Ernst Köhler
- Sammlung
- Köhler
- Werk
- Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andere alte Überlieferungen im Voigtlande
- Jahr
- 1867
- Legacy-ID
- K161
Quellen
Johann August Ernst Köhler – Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andere alte Überlieferungen im Voigtlande
Johann August Ernst Köhler, 1867, Nr. 161. Mündlich.
