Überlieferung
Die Sage

322. Der Lindwurm bei Syrau. (Julius Schanz in Gräße, a. a. O. Nr. 583.)
Vor vielen hundert Jahren hauste ein scheußliches Ungeheuer im Walde bei Syrau, das hatte einen Leib wie eine Schlange, mit starken Schildern bepanzert, und wenn es mit seinen Drachenflügeln den Leib schlug, machte es ein Getöse wie zehn Mahlgänge. Den ganzen Tag lag es im Walde und wen es sah, den zermalmte es mit seinen fürchterlichen Zähnen und briet ihn an dem Höllenfeuer, das aus seinem Rachen fuhr. Weder Mensch noch Thier war vor ihm sicher. Da aber die Bauern es nicht zu bezwingen vermochten, schlossen sie einen gütlichen Vergleich mit ihm ab: es solle alle Wanderer, welche diese Straße zögen, auffressen, die Syrauer aber ungeschoren lassen. Das ward ruchbar im ganzen Lande und Niemand betrat mehr die gefürchtete Straße. Hunger aber thut weh, dem Thiere wie dem Menschen, und so wagte sich das Ungeheuer wieder an die sich ängstigenden Syrauer. Alltäglich hofften diese unter Flehen und Beten auf die Ankunft des tapfern Ritters St. Georg, der den Lindwurm tödten sollte, allein es zeigte sich keine Spur von dem Heiligen, so viel sie auch Messen lesen ließen. So mußten sie sich denn einstweilen drein ergeben und jeden Tag dem fürchterlichen Ungeheuer einen Menschen vorwerfen, der durch das Loos bestimmt wurde.

Schon waren Einige diesem grausamen Schicksale verfallen, als auch die schöne Tochter eines der größten Bauern das entsetzliche Loos treffen sollte; schon am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang sollte sie dem Drachen vorgeworfen werden. Als man ihr dies ansagte, ward sie todtenbleich. Sie hatte aber einen braven Burschen zum Geliebten; als der solches hörte, sagte er kein Wort, ging fort, nahm eine Heugabel, schliff und pfiff bis in die Nacht hinein. Und als nach dem dritten Hahnenschrei das Mägdlein hinausgeführt ward und Alles weinte, kam ihnen ein Mann entgegen, der eine lange Gestalt hinter sich herzog und eine Heugabel auf der Schulter trug. Ein Freudenschrei durchbebte bei diesem Anblicke die kühle Morgenluft, als man den Burschen erkannte, der den Drachen im Schlafe erwürgt hatte. Die Syrauer aber erbaueten zum Gedächtniß dieser That eine Kapelle „unserer lieben Frauen.“

Anmerk. In einer mündlichen Ueberlieferung dieser Sage finden sich einige Abweichungen. Im Schlosse zu Syrau wohnte nämlich ein edles Fräulein, welches ebenfalls dem Schicksal verfallen war, dem Lindwurme vorgeworfen zu werden. Als es aber hinausgeführt ward, kam ein junger Ritter, der es heftig liebte, in voller Rüstung dem Zuge entgegen; er hatte den Lindwurm im offenen Kampfe getödtet, indem er seinen Speer durch den Rachen des Ungethüms mit solcher Kraft gestoßen hatte, daß die Spitze wieder unten am Leibe vorgedrungen war. Auf dem Schloßthurme zu Syrau soll noch das Bild des Lindwurms zu sehen sein, ebenso wie man daselbst noch heutigen Tages die Rüstung und den Speer des muthigen Ritters zeigt.
Die Sage auf einen Blick

Verstehen und nachschlagen
Zur Überlieferung
Schauplatz
- Heutiger Ort
- Syrau (Rosenbach/Vogtl.)
Historische Zuordnung
- Gebiet / Amt
- Amt Plauen
Sammlung und Autor
- Autor
- Johann August Ernst Köhler
- Sammlung
- Köhler
- Werk
- Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andere alte Überlieferungen im Voigtlande
- Jahr
- 1867
- Legacy-ID
- K322
Quellen
Johann August Ernst Köhler – Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andere alte Überlieferungen im Voigtlande
Johann August Ernst Köhler: Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andere alte Überlieferungen im Voigtlande (1867), Nr. 322: „Der Lindwurm bei Syrau“. Köhler nennt Julius Schanz in Gräßes Sagenschatz, Nr. 583, als Vorlage und fügt eine abweichende mündliche Überlieferung an. Drachenkampf, Menschenopfer und Kapellenstiftung werden als Sagenüberlieferung wiedergegeben, nicht als nachgewiesene Ereignisse. Orts- und Objektangaben wie „noch heutigen Tages“ beziehen sich auf die historische Quelle.
